Energie



Ständig unter Strom

Boas ziehen die Blicke auf sich: Im Karneval umschmeicheln die Federschals wärmend sonst recht freiliegende Damenschultern, im Rheinischen Braunkohlenrevier hingegen sind sie der Schritt in eine neue Zukunft der Strom- und Wärmegewinnung. Denn bei einem bis zu 170 Meter aufragenden „Braunkohlekraftwerk mit optimierter Anlagetechnik“, wie diese Boa ausgeschrieben heißt, liegt der Wirkungsgrad bei über 43 Prozent, um fast ein Drittel höher als bei herkömmlichen Werken.

Nachdem in Bergheim-Niederaußem 2003 der erste Block in Betrieb gegangen ist, entstehen gegenwärtig in Grevenbroich-Neurath die Blöcke 2 und 3 mit einer Leistung von jeweils 1.050 MW. Sie ersetzen zwölf 150 MW-Blöcke in Frimmersdorf und Neurath aus den 1960er Jahren und werden bei gleicher Stromerzeugung den CO2-Ausstoß um 30 Prozent reduzieren; das werden rund sechs Millionen Tonnen CO2 sein.

Auch wenn im Jahr 2020 rund 30 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien stammen, müssten immer noch 70 Prozent mit konventionellen Kraftwerken erzeugt werden. Dass sie deutlich effizienter sein müssen als heute, um die Klimaschutzziele zu erreichen, liegt auf der Hand. Daran wird auch am Niederrhein gearbeitet – nicht nur in Grevenbroich. So soll im Chemiepark Uerdingen bald ein Steinkohlekraftwerk mit einem Wirkungsgrad bis zu 60 Prozent errichtet werden (das zwei kleinere veraltete Kraftwerke ablöst). Das 2,1 MW-Kraftwerk Voerde an der Emschermündung wurde als erstes deutsches Kraftwerk mit einer Rauchgasentschwefelungsanlage ausgerüstet, die kürzlich auf den neuesten Stand gebracht wurde.

Der Kraftwerkspark am Niederrhein und in den angrenzenden Großstädten Düsseldorf und Duisberg garantieren eine zuverlässige Grundlast-Stromerzeugung für die nächsten Jahrzehnte. Von den neuen Blöcken in Neurath profitieren vor allem die nahe gelegenen Aluminiumwerke in Grevenbroich und Neuss, denn im Bereich Garzweiler, der größten zusammenhängenden Braunkohlelagerstätte Europas, wird zumindest bis zur Mitte dieses Jahrhunderts Braunkohle abgebaut.

So wird sich Grevenbroich auch weiterhin die „Bundeshauptstadt der Energie“ nennen dürfen. Seit mehr als 100 Jahren verbindet man den Namen der Stadt mit Energie und ihrer Erzeugung. Längst ist dabei nicht mehr nur die Verstromung der Braunkohle gemeint. Auf ehemaligen Abraumhalden stehen längst Windräder und ein Testfeld, auf dem Windradtechnik erprobt werden kann. Es ist derzeit das größte Testfeld für Windenergieanlagen im Binnenland. 2009 ist noch die weltweit erste Windkraftanlage mit einem Hybridturm aus Beton und Stahl als Pilotprojekt hinzugekommen. Die Anlage erreicht bei einer Nabenhöhe von 133 Metern eine Gesamthöhe von 180 Metern. Das bringt gegenüber der herkömmlichen Nabenhöhe von 100 Metern einen um 20 Prozent höheren Energieertrag.

Weil vor allem von Westen her am Niederrhein ständig Winde wehen, kennt die Region inzwischen zahlreiche hochstämmige „Spargelfelder“, die manchmal – wie in Uedem – auch als Windpark bezeichnet werden. Von diesem Boom der luftigen Stromgewinnung profitieren auch zahlreiche Unternehmen als Zulieferer, so auch die Kempener Woodward SEG, die mit hervorragenden Entwicklungen in der „drehzahlvariablen Stromerzeugung“ rund um den Globus im Geschäft und bei den Jumbo-Anlagen (fünf MW) Technologieführer ist.

Noch einmal zurück zu Grevenbroich. Nur wenige hundert Meter vom Windkrafttestfeld entfernt liegt der Neurather See, an dem der Braunkohleförderer RWE schon seit 1991 eine 3.500 Quadratmeter große Photovoltaikfläche unterhält. Mit diesem Mini-Solarkraftwerk (360 kW) können 70 Haushalte mit Strom versorgt werden; es dient vor allem der Erforschung von Möglichkeiten der Kostensenkung. Inzwischen sind die Solarkraftwerke weitaus größer geworden und keine Seltenheit mehr, wie man am Dach von Riedel Recycling in Moers (10.000 m²) oder rund um Mönchengladbach sehen kann, wo dank des dynamischen Unternehmens Intra-Solar etliche Dachflächen mit Photovoltaikanlagen bestückt sind, so auch das temporäre Theater im Nordpark neben dem Borussia-Stadion.

Pflanzenöl ist der Treibstoff für einen Blockheizkraftwerke-Park der Hummel Energie-Systeme im Neusser Hafen. Insgesamt 30 grundlastfähige Kraftwerke sollen demnächst am Netz sein und Strom für 25.000 Haushalte oder einige hundert mittlere Betriebe erzeugen.

Biogasanlagen sind inzwischen nicht mehr nur Sache von Landwirten, auch Stadtwerke steigen inzwischen in diesen Zweig der Energiegewinnung ein. Jüngster Plan eines Nettetaler Unternehmens ist die Einrichtung eines „Zentrums für erneuerbare Energien“ auf einem Teil des früheren britischen Luftwaffenstützpunktes Niederkrüchten-Elmpt mit drei Solaranlagen, sechs bis acht Windkraftanlagen, einer Biogasanlage und einer Holzhackschnitzelanlage.

Auf die Gewinnung von Energie wird am Niederrhein viel Energie verwendet – und auch Geld ausgegeben, in Neurath beispielsweise 2,2 Milliarden Euro.

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